Lisa auf dem Perserteppich

Lisa auf dem Perserteppich

Die Eltern waren gegangen, die jüngere Tochter bei der Großmutter zu Besuch. Die ältere Tochter, Lisa, war zu Hause geblieben. Sie trug einen bunten Tellerrock, der beim Gehen über die Oberschenkel strich. Der Rock saß auf der Hüfte und wurde von einem Gummizug gebündelt zusammengehalten.

Wenn die Eltern da waren, sperrte sich das Mädchen für gewöhnlich in sein Zimmer ein und drehte die Musik laut auf. Es schallte »I wanna be daylight in your eyes« aus den Türritzen.

Sobald Mutter und Vater an diesem Nachmittag nicht mehr zu Hause waren, schaltete es den CD-Player ab und öffnete die Zimmertür.

»Endlich allein!«, dachte es und streifte durch die Wohnung. Lisa wandelte zunächst durch die Räume, betrachtete die hochgewachsenen Bücherwände, wandte sich den gerahmten Familienfotos zu, die auf der Kommode standen und ging später zum Fenster.

Draußen ein verregneter Tag. Das Mädchen ließ seinen Blick nach unten über die Straße wandern. Es dachte an die Schule am Vormittag und die ewigen Hausübungen, die bevorstünden.

»Gut, dass die Alten heut‘ weg sind!«, murmelte es und seufzte in sein geblümtes Oberteil hinein.


Die helle Bluse ließ Einblick gewähren. Sie war nicht blickdicht. Unter ihr schimmerten die BH-Träger hindurch. Die kleine Brust, die schon da war, wurde gehalten und mit Polstern nach oben gepusht. Zierlich fein war das Schlüsselbein gezeichnet.


Draußen hörte Lisa das Öffnen einer Autotür. Sie blickte erneut aus dem Fenster von oben herab und sah den Nachbarssohn, der kürzlich seine Führerscheinprüfung bestanden hatte. Das Mädchen schritt ein wenig vom Fenster weg, schob den Vorhang etwas davor, um Sicht zu haben, aber selbst nicht gesehen zu werden. Um Ausblick auf die dichten, dunklen Locken zu haben, die sich um den Kopf des Nachbarssohns wirbelten.

Sein Name war Nika. Lisa hatte ihn schon bewundert, als sie noch in die Volksschule ging. Sie mochte ihn, aber anders als etwa ihren besten Freund Stefan. Nika war vier Jahre älter als sie. Und so blieb er unerreichbar. Sie sprachen nie miteinander. Lisa blieb nichts anderes übrig, als ihn heimlich mal mehr, mal weniger zu beobachten.

Der Bursche mit dem Lockenkopf, dem sie an diesem Regennachmittag vom ersten Stock aus nachschaute, schloss die Autotür, setzte die Regenkapuze auf, dass die Haare verschwanden und nur noch seine markant elegante Nase zu sehen war.

Nika war groß gewachsen, nicht sportlich, aber schlaksig. Mit seinem kleinen Anflug von Coolness ein reizender Anblick. Er verschwand aus dem Blickfeld.

Das Mädchen war wieder für sich, schloss die Vorhänge ganz. Unter ihr der Perserteppich. Sie hatte schon entschieden. Entschlossen eilte sie in ihr Zimmer, stöberte in einer hinteren Kiste unter dem Bett und entnahm ein stiftförmiges Gerät. Dazu einen Silikonaufsatz. Auf der einen Seite hatte der Stift einen schwarzen Knopf. Ein Deckel konnte geöffnet und geschlossen werden. Bevor das Mädchen das Gerät Tage zuvor zum ersten Mal verwendet hatte, wurde es geöffnet, eine Batterie hineingelegt und es wieder verschlossen.

An diesem Tag hielt es das Gerät in der Hand, drückte auf den Knopf und prüfte, ob es noch funktionierte. Es lächelte als der Stift ein Summen von sich gab. Das Lächeln war nicht das Lächeln eines Mädchens.


Der Tellerrock tänzelte wieder zurück ins Wohnzimmer. Schnell wurden noch die Familienfotos umgedreht. Das Mädchen legte einen Polster auf dem Teppich bereit. Flott wurde die Unterhose ausgezogen.



Dem Gerät wurde der Silikonaufsatz übergestülpt. Ein Silikon, das matt, quietschorange über drei Einkerbungen verfügte und oben spitz zulief. Das Mädchen entschied sich für Intensitätsstufe 2. Zuerst fuhr es sich mit dem Stift unter dem Rock über die Bauchdecke. Bald wurde das Spiel nach unten verlagert. Es strich sich zuerst sanft über seine Vulva, stellte auf Stufe 1 zurück. Mit der anderen Hand fuhr es sich unter den BH.


Als es merkte, dass es zwischen den Beinen feucht geworden war, warf es einen Blick auf den Stuck über ihr, stellte sich vor, sie würde mit dem Perser durch die Lüfte ziehen, schob dann schnell den Stift hinein und stellte bald auf Intensitätsstufe 3.


Lisa war eigentlich kein Mädchen mehr.

Viva La Vulva Gastautorin

Katharina Ingrid Godler


Foto: Ruth Höpler

Katharina Ingrid Godler (28) arbeitete bisher als Literaturwissenschaftlerin in Projekten über Ilse Aichinger, Thomas Bernhard, Karl Kraus und Robert Musil. Seit einem halben Jahr ist sie Schriftstellerin und setzt sich in ihren Texten mit den Themen Mutterschaft, Depression und Emanzipation auseinander. Sie schreibt u. a. einen literarischen Blog auf DerStandard.at über Die Frau ohne Eigenschaften.

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