Österreichs regressive „Bossing“ – Culture

Österreichs regressive „Bossing“ – Culture

„Männer, die sich so verhalten, gibt es doch gar nicht mehr! Also ich habe so einen noch nie getroffen.“ Wieder einmal müsste ich dem werten Herrn mir gegenüber erklären, dass es durchaus logisch ist, dass er als Mann sich eher selten sexistisches Verhalten von einem anderen Mann anhören musste. Aber dafür müsste ich ihm auch erklären, dass Chauvinisten nicht inkonsequent sind. Sie werten Menschen schlicht unterschiedlich nach ihrem Geschlecht, bewusst oder unbewusst. Das würde er vermutlich noch intensiver abstreiten. Ich entschied mich also gegen eine Argumentation und für das Abwarten des richtigen Moments. Da meiner Erfahrung nach derartige Situationen sich ohnehin ständig wiederholen, war es nur eine Frage der Zeit, bis ich meinem ungläubigen Gegenüber einen Beweis liefern konnte.

Offensichtlich ist die Glaubwürdigkeit einer simplen Aussage einer Frau eben immer noch nicht ausreichend. Darüber könnte ich mich jetzt erneut aufregen, aber dafür bräuchte ich bessere Wut-Reserven. 

Seit Beginn der Pandemie bin ich arbeitslos. Von meinem letzten Job „wurde ich gegangen“, weil ich die Behandlung der Mitarbeiterinnen als äußerst unfair empfand. Wie schon so oft wurde mir gezeigt, dass man nicht das kleinste Problem ansprechen sollte, wenn man sich den „Gutwill“ der Chefitäten sichern will. Ich könnte Bücher schreiben über die Situationen, die mir in der Arbeitswelt und vor allem in Büros widerfahren sind. Deshalb will ich da auch nicht mehr hin. Das AMS findet das leider weniger akzeptabel. Ich bewarb mich also für die Stelle der RedaktionsaspirantIn (20 Stunden) in einem bekannten österreichischen Verlag. Dass bereits im Inserat eine rote Flagge wedelte, ignorierte ich gekonnt. Monatsbruttogehalt wird in jedem Fall 1.000 Euro übersteigen. Was auch immer das genau heißen soll. Ich schickte trotzdem CV und Motivationsschreiben hin, um das AMS auf meiner Seite zu wissen. 

©Hunters Race/Unsplash

Prompt am nächsten Tag kam er, der schlimmste Anruf einer Führungskraft, den ich je hatte. Der Herr wirkte von Anfang an sehr gestresst, er stolperte aufgrund seiner Sprachgeschwindigkeit über seine eigenen Worte und reagierte sehr aggressiv auf die Nachfrage, als ich ihn akustisch nicht verstand. Er hatte offenbar vergessen, für welche Stelle ich mich beworben hatte und wollte gleich wissen, ob 40 Stunden für mich auch okay wären.

Danach fragte er mich in einer Geschwindigkeit wie bei einem Stresstest, ob ich liiert sei, was mein/e PartnerIn arbeite, was ich im letzten Job verdient habe und ob ich Kinder hätte. Ich war verwirrt, dachte aber im ersten Moment nicht viel darüber nach, warum er das denn alles wissen wollte.

Ich antwortete, weil ich nichts zu verbergen habe. Als ich den Hörer auflegte, überkam mich aber sofort ein unangenehmes Gefühl. Ich entschied mich, den vereinbarten Termin per E-Mail abzusagen, weil ich dieser Person definitiv nicht gegenübertreten wollte. Aber da begann das Schauspiel erst.

Ein unwürdiges Schauspiel

Seine Antwort auf meine Begründung, ich fände die Fragen seltsam und nein, er könne nicht den Kontakt meines Ex-Chefs haben, war folgende (Ausschnitte):

Selbstverständlich hat der Beruf eines Lebensgefährten direkten Einfluss auf die Tätigkeit von Mitarbeitern. (…) Denn wenn Ihr Freund in einem Atomreaktor arbeitet und ständig massiver Strahlung ausgesetzt ist oder auf Covid-Intensivstationen tätig ist, (…) dann werden – verantwortungsvolle – Personalchefs darüber nachdenken, ob sie so jemanden gerne haben möchten.

Ist das in Ihrer Fantasie vorstellbar? (…)

Und – für Ihre Zukunft alles Gute – jedoch definitiv nicht bei uns.

©Glenn Carstens-Peters/Unsplash

Ich weiß nicht, wie es euch Leser*innen geht, aber ich war schockiert und provoziert gleichzeitig. Nicht nur die Argumentation war meines Erachtens völlig aus der Luft gegriffen, auch der gleichzeitige Versuch, mich als dumm darzustellen, war mehr als unangebracht. Ich konnte leider nicht widerstehen, ihm zu antworten. Unter anderem, dass er meine Vermutung, wie in seiner Redaktion kommuniziert wird, bestätigt hat und dass diese unnötig aggressive Antwort auf eine schlichte Absage davon zeigt, dass er nicht die social skills hat, die eine Führungsposition verlangt. Dann wurde es nur noch besser:

Wenn sie 46 Jahre lang jedes jahr 7 stelligen gewinn nach steuern gemacht haben, dann dürfen sie meine „skills“ bewerten. Bis dahin – ihre arroanz ganz schnell abschalten. [sic!]

Schlussendlich hat er noch versucht mir zu drohen, diesen E-Mail-Verkehr für seinen nächsten Leitartikel zu verwenden:

danke ich wollte jemanden wie sie schon lange finden und dazu bringen, mir stoff für die „derzeitige qualität“ am arbeitsmarkt zu geben. danke dass sie mir auf den leim gegangen sind. (…) freilich nicht besonders clever, so was mit einem verleger durchzuziehen. Unsere korrespondenz mag also gegenstand meines nächsten leitartikels werden. (…) natürlich mit nennung des vollen namens.[sic!]

Time's up!

Da hatte das Ganze ein Ausmaß angenommen, welches ich nicht einfach unter den Teppich kehren wollte. Diese Art von Verhalten ist wie gesagt nicht selten, Führungskräfte, die in ihrer Machtposition jegliches Gespür für angemessene Kommunikation verloren haben und ihre Angestellten in unangebrachte und äußerst unangenehme Situationen bringen. „Ich Chef – du nix“, ist leider immer noch aktuell wie eh und je. Nur redet niemand darüber. „Da würd‘ ich jetzt kein Fass aufmachen deswegen, das ist doch lächerlich.“, „geh‘ bitte, das war doch nicht so gmeint“ oder „is ja nix passiert.“ sind gängige Aussagen. 

©Elyssa Fahndrich/Unsplash

Ich sag euch, was passiert ist: Ich wurde von einem Mann in einer Machtposition aufgrund meines Geschlechts und meines gesellschaftlichen Status bzw. meines Einkommens diskriminiert, belächelt und bedroht. Es tut mir absolut nicht leid, dass ich dafür kein Verständnis mehr aufbringe.

Ich bin nicht die Einzige und werde es mit Sicherheit auch nicht bleiben. Das konnte ich in genau diesem Fall nach ein wenig Internetrecherche bereits herausfinden. Wie heißt es so schön: „Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen.“ Bitte geht, wir haben genug genickt, gelächelt und unsere Wut unterdrückt! Es ist Zeit im 21. Jahrhundert anzukommen. Wenn es euch nicht gefällt, geht wenigstens aus dem Weg. 


Gastautorin

Silvia Danninger

Silvia lebt in Wien und ist freischaffende Journalistin und Künstlerin. In ihrem neuen feministisch-politischen Podcast borboletas chaoticas lässt sie lieber andere FLINTAs von ihren Erfahrungen berichten.

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