Laut gegen Alltags-Sexismus - wir setzen uns zu Wehr!

Laut gegen Alltags-Sexismus - wir setzen uns zu Wehr!

Irgendwann reicht es einfach. Mit den ungefragten Meinungen, Bewertungen und vermeintlichen Komplimenten. Mit dem übergriffigen Anfassen, dem Bevormunden, dem Überreden und Nötigen. Irgendwann mussten wir etwas unternehmen.

Die Idee für den Instagram-Account un.mute.re.claim kam uns nicht über Nacht. Sie war das Resultat aus jahrelangen persönlichen Sexismus-Erfahrungen, einer metoo-Debatte, in der wir Frauen* uns als Opfer eine Stimme erkämpft haben und einem Uniseminar zu geschlechtsspezifischer Gewalt.

Und schließlich dieser einen Nacht, die es auf die Spitze getrieben hat: Zwei von uns waren nach einer Party auf dem Weg zum Bus, als wir von drei Männern gecatcalled wurden.

Wir hatten erst kurz zuvor darüber gesprochen, wie wütend uns dieser tagtägliche Sexismus macht. Und da war er schon wieder. Aber dieses Mal haben wir uns geweigert, uns in eine Opferposition drängen zu lassen. Ariane fuhr herum und fragte die Männer ruhig und bestimmt, was sie da gerade gesagt hätten. Lea überlegte noch, ob mitten in der Nacht mitten in Berlin der richtige Ort für eine Konfrontation dieser Art war, aber da gab es schon kein Zurück mehr. Es folgte eine unerwartete zweistündige Diskussion mit einem der Männer über Frauenrechte, in der wir zu jedem Zeitpunkt die Oberhand hatten. Als wir aber gehen wollten, kippte die Stimmung. Wir wurden beleidigt und der Mann versuchte Lea zu küssen. Sie hat ihm reflexartig eine runtergehauen. Was sich in dem Moment wirklich gut angefühlt hat, war aber nicht sonderlich schlau. Als er handgreiflich wurde und mit Mord drohte, riefen wir nach Hilfe. Keiner der in unserer Nähe sitzenden Männer reagierte. Ebenso wenig die Polizei, die am Telefon alles mithörte. Als ein Bus kam, konnten wir flüchten. Am nächsten Tag besuchten wir das Polizeirevier, um nachzufragen, warum wir alleine gelassen wurden. Eine Polizistin erklärte uns, dass es ja eigentlich unsere eigene Schuld gewesen wäre. Victim Blaiming vom Feinsten.

https://www.instagram.com/p/CMO7yD_na7C/

Uns reicht es!

Diese Erfahrung war intensiv, unterschied sich aber auch in einem maßgeblichen Punkt von anderen:

Wir haben uns gewehrt. Wir haben uns nicht kleinmachen lassen. Das war keine Lösung für das Problem, aber es hat sich verdammt gut angefühlt.

Das Fass war voll und wurde durch das “Männerwelten”- Welten Video endgültig zum Überlaufen gebracht. Ja, das Video war wichtig, aber warum hören erst dann alle zu, wenn zwei Cis-Männer die Umstände anprangern, gegen die wir Frauen schon seit Ewigkeiten kämpfen? Warum bekommen all die starken Frauen*, die tagtäglich gegen den Sexismus zurückschlagen, keine solche Aufmerksamkeit? Besonders seit der metoo-Bewegung sprechen Frauen* - privat wie öffentlich - vermehrt über den Sexismus, den sie immer wieder erfahren müssen. Das ist toll und so wichtig! Denn dadurch erkämpfen wir uns Raum, Aufmerksamkeit und zeigen, dass wir nicht einverstanden sind. Aber es ist auch anstrengend. Immer wieder, wenn wir durch unsere Feeds scrollen, lesen wir von sexistischen Sprüchen, Taten, Übergriffen. Jedes Mal, wenn eine Frau* eine solche Erfahrung macht, machen wir sie irgendwie mit ihr. Und das schmerzt. Es frustriert. Es macht wütend. Wir diskutierten, wir erzählten, wir begannen zu planen, wie wir einen Beitrag zum Kampf gegen Sexismus leisten könnten. Die Idee für un.mute.re.claim war geboren.

© unsplash/nadine shaabana

Die Struktur hinter Sexismus

Aber was ist Sexismus eigentlich? Sexismus ist die Diskriminierung von Menschen auf Grundlage ihres Geschlechts. Sie basiert auf der Vorstellung, nach der ein Geschlecht dem anderen von Natur aus überlegen sei. Da Diskriminierung anhand von Stereotypen, Vorurteilen und Ideologien begründet wird, verstehen wir Sexismus als strukturelle Diskriminierung.

So etwas wie Einzelfälle gibt es also eigentlich nicht, denn jede einzelne sexistische Handlung ist Teil einer sexistischen Struktur. Und diese richtet sich gegen Frauen*.

Sicher, es hätte auch alles anders kommen können, dann würde sie sich heute gegen Männer richten. Aber so ist es eben nicht. Zwar zeigt sich Sexismus unter anderem in sexueller Belästigung oder sexualisierter Gewalt - und davon können alle Menschen betroffen sein - aber die strukturelle Diskriminierung, Unterdrückung, Zurücksetzung und Benachteiligung erfahren Frauen*. Wird eine Frau* sexuell belästigt, ist das eine Machtdemonstration, um Hierarchien aufrecht zu erhalten. Sexismus basiert zudem auf einem binären Geschlechtersystem aus Männern und Frauen*. Daher trifft er alle Menschen, die von anderen als Frauen gelesen werden - ob sie sich nun selbst als solche identifizieren oder nicht. 

Wir suchen Eure Geschichten!

Heute betreiben wir den Account un.mute.re.claim, auf dem wir die Geschichten von Frauen* posten, die sich gegen Sexismus zu Wehr gesetzt haben.

Natürlich ist Gegenwehr nicht immer möglich und auch nicht immer sinnvoll. Und sie ist schon gar keine Pflicht oder gar eine Lösung. Aber wenn man die Möglichkeit dazu hat, kann sie uns Kraft geben.

Und im besten Fall den Täter*innen etwas aufzeigen oder ihnen zumindest den Spaß verderben. Wenn wir durch unseren Account scrollen, fühlen wir uns nicht bedroht, klein oder machtlos. Nein. Mit jedem Post wachsen wir, fühlen uns empowered, tanken Energie und Kraft für die nächste sexistische Situation. Mit jedem Mal, das wir uns selbst wehren, werden wir geübter, bestimmter, selbstbewusster. Aber das Beste an un.mute.re.claim ist für uns: Wenn wir jetzt Sexismus erfahren, dann sind wir nicht alleine. Wir wissen, hinter uns steht eine ganze Community. Und wenn wir uns wehren, dann machen wir das nicht nur für uns selbst. Sondern für alle Frauen*, die tagtäglich Sexismus erfahren müssen.

Auch DU hast dich schon mal zu Wehr gesetzt? Dann schick uns deine Geschichte und mach’ anderen Mut!

Du kannst uns entweder eine Direktnachricht auf unserem Instagram-Account schicken oder anonym über dieses Formular deine Geschichte erzählen.


Gastautorinnen

Ariane, Lea & Maike

Ariane, Lea und Maike leben und studieren gemeinsam in Berlin und kennen sich aus ihrer Bachelorstudienzeit in Münster. Un.mute.re.claim ist ein kleines Herzensprojekt mit dem sie anderen Mut machen wollen, sich gegen Sexismus zu wehren. 

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